Einen Profi als SL?

14. April 2015 at 09:00
Aquisitions Inc. mit Chris Perkins als SL

Aquisitions Inc. mit Chris Perkins als SL

Gibt es eigentlich immer noch an jeder Ecke zu wenig Spielleiter? In meinem Umfeld ist es mittlerweie nur noch selten so, was aber auch daran liegt, dass ich gerne und oft leite. Früher wollte das keiner und auch jetzt kommt es immer mal wieder vor, wenn die “üblichen Verdächtigen” mal keine Lust haben. Kennt Ihr das? Doch jetzt kommt etwas Bewegung in die Sache und wie so oft aus den USA: Es geht um professionelle Spielleitung.

Nichts für jedermann

Um es vorweg zusagen, das Thema wurde schon kontrovers diskutiert und dabei wird es auch sicher bleiben. Aber warum geht es eigentlich genau? Spielleiter gibt es im Rollenspiel seitdem es Rollenspiel gibt. Mittlerweile gibt es Systeme, die auf sie verzichten, aber die weitaus meisten Runden dürften immer noch auf einen SL angewiesen sein. Das allein ist kein Problem, doch das SL-Dasein ist mit einiger Arbeit verbunden. Zum einen ist die Spielvorbereitung zu nennen, die wohl die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Das Setting ausgestalten, Hintergrundinfos über Kulturen, Geschichte usw. müssen gelesen werden, NSCs ausgestaltet, Abenteuer ausgedacht und beschrieben werden und Monsterwerte müssen festgelegt oder zumindest nachgeschlagen werden. Und das ist nur das Minimum.

Daneben gibt es noch Arbeit, die nicht jeder SL hat und die er auch abgeben kann, aber meistens bleibt sie doch an ihm hängen: Termine abstimmen und festlegen, säumige Spieler an das Fertigstellen ihres Charakters oder von Ausarbeitungen erinnern, oft wird auch beim SL gespielt, das heißt Spielraum vorbereiten und hinterher aufräumen und manchmal verpennen es die Spieler sogar ihre Erfahrungspunkte mitzuschreiben. Und manche SLs machen sich auch die Arbeit NSC-Portraits, Szenenbilder oder Kampfkarten zu erstellen. Kurzum, das SL-Dasein beinhaltet meistens einen Haufen Arbeit. Das macht nicht jeder gerne und daher gibt es immer wieder Probleme jemanden für diese Aufsgabe zu finden.

Es ist machbar

Was kann man da tun? Viele Gruppen haben das Glück einen SL zu haben, der seinen Job normalerweise sehr gerne macht. Sollte der SL aber mal keine Lust zu haben oder man findet einfach keinen, dann kommen wir zum professionellen Spielleiten. Bevor ich darauf näher eingeht, eine kleine Rechnung. Ich denke, man kann realtiv gut annehmen, dass eine Stunde Spielzeit vom SL ungefähr eine Stunde Vorbereitung benötigt. Mal ist es mehr, mal weniger, aber es dürfte ein ganz guter Schnitt sein. Wenn man jetzt vom aktuellen Mindeslohn in Deutschland von 8,50€ ausgeht, dann kostet eine Stunde Spielleitung also 17€. Ihr seht sicher worauf ich hinaus will: Professionelle Spielleitung löst Euer SL-Problem, indem der SL von “außen” kommt und Geld für seine Arbeit nimmt. Bei einer Spielsitzung von vier Stunden, was eine nette Abendrunde sein dürfte, und einer Gruppengröße von vier Spielern würde jeder Spiele genau jene 17€ für den Abend zahlen. Hört sich doch gar nicht so viel an für einen Abend gute Unterhaltung oder? Versucht mal dafür vier Stunden ins Kino zu gehen.

Ein professioneller Spielleiter muss also nicht teuer sein. Viel mehr noch, wenn der SL damit Geld verdient, dann kann er vielleicht sogar die Zeiten für seinen normalen Job reduzieren. Mindestlohn ist zwar nicht viel, aber es sollte zum Leben reichen. Gerade für Freelancer bei (Rollenspiel-)Verlagen kann ich mir das als weiteres Standbein gut vorstellen. Und wenn es erst einmal läuft, dann kann man sicher je nach Qualität des SL auch einen höheren Lohn nehmen. Auch ein voller Einstieg wäre machbar. Die oben erwähnte vierstündige Runde benötige mit Vorbereitung acht Stunden. Mit fünf solcher Gruppen die Woche hätte man eine gewöhnliche 40-Stunden-Woche voll und es würde immer noch das Wochenende frei bleiben können. Außerdem lässt sich das eine oder andere vorbereitete Material spielt verwenden, was die Vorbereitung dann deutlich verkürzten wird.

Gute Spielleitung ist nicht weit weg

Der nächste Gedanke, der mein Hirn kreuzt, wenn ich an bezahltes Leisten denke, ist “Oha, aber damit stiegen doch auch die Ansprüche?” Der typische deutsche Rollenspieltroll wird für sien Geld sicher auch die “perfekte Runde” erwarten, aber sind wir mal ehrlich zu uns selbst. Alle “normalen” Runden, die ich bisher gesehen und erlebt habe, waren auf einem machbaren Niveau. Selbst Chris Perkins “Schaurunden” sind kein Hexenwerk, auch wenn er ein sehr guter SL ist. Ein solides Abenteuer, etwas NSC-Darstellung, vorbereitete NSC-/Monsterwerte, Karten, wenn man mit Minis spielt, und gute Regelkenntnis sollten reichen um jeder Gruppe genug Spaß für 17€ zu bieten. Das sollte jeder einigermaßen motivierte Rollenspieler doch hinbekommen.

Die Idee zieht schon Kreise

Unterm Strich gibt es also ein gut zu erreichendes SL-Niveau und eine machbare Bezahlung. Was fehlt noch? Gerade in Deutschland dürfte sich jetzt der Erste Sorgen machen, dass er mit seinem SL reinfällt. Die Sorge ist durchaus berechtigt, da es wirklich sehr schlechte Spielleiter gibt. Das wird jeder Con-Besucher bestätigen können. Dagegen kann man sich wappnen, indem man sich seinen SL über persönliche Empfehlungen holt, aber auch das ist nicht immer möglich. Auf Google+ wurde vor kurzen ein (englischsprachige) Community gegründet, die “Professional Gamemasters Society”. Gegründet wurde sie von dem Autor dieses Blogartikels über professionelles Spielleiten, der mich auch zu diesem Artikel motiviert hat. Mit der Community soll professionelles, bezahles Spielleiten gefördert werden und es soll auch so sein, dass die Mitgliedschaft in der Society (nicht in der Community) eine Art Qualitätsmerkmal wird. Jeder eingetragene SL wird ordentliche Runden hinlegen. Dazu gibt es auch eine Webseite mit ersten SL-Profilen. Noch steckt die Society in den Kinderschuhen. Der “SL-TÜV” ist also noch keine Realität. Eine tolle Idee aus der Society ist aber der “SL-Babysitter“. Kinder ab einem gewissen Alter kann man hervorragend mit Rollenspiel beschäftigen. Ich weiß allerdings nicht, wie da gerade die üblichen Tarife sind, aber vielleicht ist das ein guter Einstieg.

Ich selbst habe mich dort noch nicht mit einem Profil aufnehmen lassen, da ich aktuell einfach nicht genug Zeit habe um bezahlte Runden leiten zu können. Aber wie seht Ihr das? Würdet Ihr es mal ausprobieren? Als SL oder als Spieler? Oder haltet Ihr die Idee für eine Totgeburt? Habt Ihr Gedanken, die man bei dieser Idee unbedingt berücksichtigen sollte, damit sie ein Erfolg wird? Ich bin schwer gespannt auf Euer Feedback, da mich brennend interessiert, ob daraus etwas werden könnte. Ich fände es eine tolle Option.

Das Bild im Beitrag ist von p_vince auf flickr und steht unter cc-by-nc-sa.