Rollenspieler können mehr

12. Oktober 2012 at 08:45

 Mit quengelnden Freunden oder Kollegen umgehen können? Klar. Wenn alle auf einen einreden und man kurz vorm Informationskollaps ist? Locker bleiben. Unter Papieren ertrinken? Sortieren und abarbeiten. Kreative Lösungswege sind gefragt? Alles kein Problem. Gerne berichten Rollenspieler, vor allem Spielleiter, wie sie beim Rollenspiel Dinge gelernt haben, die ihnen später im Leben weitergeholfen haben und ihnen erlaubt haben mitunter schwere Herausforderungen zu überwinden. “Da weiß auch niemand wie viel davon Gefühl und wie viel Realität ist.“

Mir ging es nie so. Wenn, dann habe ich meist im Leben gelerntes auch im Rollenspiel anwenden können. Ich versuche zwar stetig mich im Rollenspiel zu verbessern, aber die eigentliche Schmiede für neue Fähigkeiten blieb doch immer der Alltag: Kommunikationsfähigkeiten, Organisation, Motivation. “Schreiben war nie dabei oder?“ All das half, aber entstand nicht, beim Rollenspiel. Daher war ich auch immer etwas skeptisch, was genau man denn beim Rollenspiel so gut lernen kann. Immerhin ist besonders die Arbeit doch wichtiger und sorgt auch für das Essen auf dem Tisch, da sollte doch genügend Ehrgeiz vorhanden sein um hier mehr erreichen zu wollen.“Nicht jeder hat einen besonders interessanten Job, der überhaupt passende Fähigkeiten erlaubt. Nach mal die Augen auf!“

Kürzlich aber ist es dann tatsächlich passiert. Eine Fähigkeit, die vielleicht nicht vollständig, aber doch hauptsächlich, vom Rollenspiel kam entwickelte sich: Improvisation. Um Arbeit beim spielleiten zu sparen, bin ich von sehr konkreter Vorbereitung mehr zu einer konzeptionellen übergegangen und habe die Details dann am Spieltisch improvisiert. Klappen kann das nur, wenn man etwas entspannter an das Abenteuer heran geht und die Dinge mehr auf sich zukommen lässt. Alles was einem fehlt muss und wird sich dann aus dem Moment ergeben. “Puh, es ganz modernes.“

Etwas später habe ich den Job gewechselt. Als Softwareentwickler hat man ständig mit verschiedenen Vorhensmodellen zu tun, die festlegen nach welchen Methoden man der Arbeitsplanung vorgeht. In der Vergangenheit gab es im Regelfall Schritt-für-Schritt-Modelle, mit ein paar Erweiterungen für Flexibilität. Mittlerweile heißt das Zauberwort “agile Entwicklungsprozesse” (z.B. Scrum) bei denen weit weniger geplant wird. Damit das funktioniert muss man sich auf die Aufgabe konzentrieren, die vor einem ist und nicht zu weit in die Zukunft denken. Man löst Probleme wenn sie auftreten oder klar absehbar sind und nicht in mehr oder weniger weiser Voraussicht bevor sie wirklich da sind. Dabei hilft es ungemein mit gewissen Improvisationsfähigkeiten spontan auf Änderungen reagieren zu können und einer fehlenden langfristigen Planung entspannt gegenüber treten zu können. “Und auch den Stock aus dem Arsch zu ziehen.“ Diese Fähigkeiten habe ich im Zuge meiner Entwicklung hin zu mehr Improvisation erworben, bevor ich sie auf der Arbeit nutzen könnte. Das hat mir diesen Wechsel deutlich erleichtert.

Ich kann mich jetzt also in die Reihe der Rollenspiel eingehen, die dank des Hobbys auf der Arbeit besser voran kommen. Es war zwar nichts Großes, aber das muss es ja auch nicht sein. “Ein Maßstab, der auch für manchen Blogger gilt…“